Wahlbündnisse der Opposition

26. Februar 2009

Seien wir ehrlich – nach fast zwei Monaten voller Verfassungsdröhnung, hat man sich zur Abwechslung schon lange sehnlichst wieder eine tagespolitische Nachricht aus Bolivien gewünscht, die nur am Rande etwas mit der neuen Verfassung zu tun hat. Vielleicht habe ich mich deshalb heute so gefreut, im Bolivien Tagebuch darüber zu lesen, wie sich die Opposition auf die Präsidentschaftswahl im kommenden Dezember vorbereitet.

Da sich in Bolivien eine Vielzahl von Parteien zur Wahl stellen und deshalb  kaum eine Partei im Alleingang ihren eigenen Kandidaten durchboxen kann, werden schon vor der Wahl strategische Allianzen zwischen den Parteien eingegangen. Und das Gerangel um eben diese Bündnisse findet gegenwärtig statt.

Eine Menge Namen werden da als gemeinsamer Spitzenkandidat für die Opposition ins Spiel gebracht – Ex-Präsident Carlos Mesa etwa (wir berichteten). Spannend ist vor allem, wie sich die Oppositionspolitiker der Media Luna verhalten werden: ob sie sich geschlossen als Wahlalternative zur Wahl stellen – und selbst wenn, ob sie dabei die Verfassung unterstützen oder grundsätzlich in Frage stellen werden (da haben wir sie wieder, die Verfassung!).

Es wird in jedem Fall aber wieder spannend…


TV-Hinweis: Mama putzt.

24. Februar 2009

Nach langer Zeit wieder ein TV-Hinweis: Der ORF2 bringt eine Reportage über die bolivianische Gastarbeiterin Marisa in Tel Aviv. Welche Sehnsüchte die Frau in ihrem Gastland hat, aber auch welche Schwierigkeiten sie später bei der Rückkehr nach Bolivien hat, möchte diese Dokumentation feinfühlig nachzeichnen.

ORF2: 03.03.2009, 22.30 Uhr,
Kreuz und Quer: Mama Putzt.


Täglich grüßt das Referendum…

23. Februar 2009

Daniel hat mich gerade darauf Aufmerksam gemacht, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung Bolivien einen guten Kurzbericht zum Verfassungsreferendum auf ihrer Homepage zum Download anbietet. Darin werden mögliche Szenarien für die Zukunft des Landes skizziert. Das möchten wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten. Vielen Dank für den Hinweis, Daniel!


Carnaval de Oruro

21. Februar 2009

Wenn Menschen bei schönstem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel ängstlich Regenschirm und Regenjacke mit sich führen, dann wirkt das vielleicht etwas verrückt. Und tatsächlich sind es verrückte Zeiten, wenn in Bolivien der Karneval anbricht. Nur droht das Wasser nicht als Regen von oben, sondern viel wahrscheinlicher noch von allen Seiten: von irgendwoher kommt bestimmt eine Wasserbombe geflogen! Und jeder führt etwas im Schilde, einschließlich man selbst…

Achtung Wasserbombe! Irgendeinen trifft es auf der Tribüne immer...

Achtung Wasserbombe! Irgendeinen trifft es auf der Tribüne immer...

In Bolivien ist es im Februar warm, um nicht zu sagen heiß. Und so geht es im berühmten Karnevalsumzug von Oruro, der genau heute stattfindet, auch weniger darum, in dicken Winterjacken die Kälte auszutreiben, sondern vielmehr darum, mit lauter Musik, kunstvollen Masken, wilden Tänzen und fliegenden Röcken dem Publikum noch weiter einzuheizen.

Der Karneval wurde 2001 von der UNESCO zum mündlichen und immateriellen Weltkulturerbe erklärt. Seine Wurzeln hat er vermutlich im Bergbau zum Ende des 18. Jahrhunderts: Der Karneval hatte bis zu dieser Zeit vor allem für die Spanier eine Bedeutung, während die Bergleute sehr stark an die überlieferten indigenen Mythen glaubten und keinen Karneval kannten. Der Legende zufolge erschien aber im Jahr 1789 zur Karnevalszeit den überwiegend indigenen Bergleuten von Oruro in einer Höhle eine Jungfrau.  Tief beeindruckt begannen die Mineros deshalb, die Jungfrau als Schutzheilige des Berges zu verehren – und jedes Jahr zur Karnevalszeit mit rituellen Tänzen um Erfolg und Glück für das kommende Jahr zu bitten. So vermischten sich langsam die Traditionen der Spanier mit den Riten der Ureinwohner.

Farbenprächtige Kostüme und faszinierende Choreographien

Farbenprächtige Kostüme und faszinierende Choreographien

Herausgekommen ist eine bedeutungsgeladene, farbenfrohe Mischung aus über zwei Jahrhunderten bolivianischer Geschichte und unterschiedlichsten Kulturen. Heute kann man kaum noch rekonstruieren, welchen Ursprung die einzelnen Elemente der komplexen Choreographien und aufwändigen Kostüme haben. Aber vielleicht macht ja gerade dieses Geheimnis den Carnaval de Oruro so magisch…


Die Morenada

17. Februar 2009

In Bolivien wird – typisch Lateinamerika – gerne ausgiebig getanzt. Neuankömmlingen in Bolivien bleibt da nichts erspart, selbst wenn man (wie ich) darauf beharrt, vom Herrgott keine Tanzschuhe in die Wiege gelegt bekommen zu haben. Doch alles Jammern hilft nichts: innerhalb weniger Wochen bekommt man die wichtigsten Tänze des Landes eingeimpft. Belustigt und stolz zugleich beäugen die Bolivianer dann schließlich, wie sich der Gringuito in den landestypischen Tänzen zu bewähren versucht… Heute gibt es Lektion 1 für alle Wahlbolivianer: die Morenada.

Die Morenada darf auf keinem Umzug fehlen – und solche gibt es nicht nur im Karneval: die landesweite Einschreibung der Erstsemester in den Universitäten ist dafür ebenso geeignet, wie das Patronatsfest einer Stadtteilheiligen. Vielleicht erstaunt es daher umso mehr, dass man trotz ihrer zentralen Rolle in der Tanzkultur Boliviens kaum etwas über die wahren Ursprünge der Morenada weiß.

Fest steht, dass in der Morenada Schwarze und Kreolen (span.: morenos) thematisiert werden – unklar ist jedoch, in welchem Sinn. Es gibt folgende Ansichten:

  1. Die Morenada bezieht sich auf den Mohren der Heiligen Drei Könige. Das erklärt, warum die Morenada eng mit dem Karneval verbunden war (und ist).
  2. Die Morenada ist ein Spott auf die schwarzen, afrikanischen Sklaven, die während der Kolonialzeit gegenüber den ausgebeuteten Indios Privilegien besaßen – sich zumindest aber nicht mit den Indios solidarisierten.
  3. Die Morenada ist ein Lob auf den Widerstand der schwarzen Sklaven gegen die weiße Besatzungsmacht. Hierzu wird insbesondere die Legende vom Caporal angeführt (dazu unten mehr).

Ähnlich unterschiedliche Ansichten gibt es zur Herkunft:

  1. Es ist nahezu auszuschließen, dass der Tanz von Negersklaven aus Afrika mit nach Bolivien gebracht wurde. Dennoch wird diese Position v.a. im bolivianischen Volksmund häufig vertreten.
  2. Der Tanz kann für das 17. Jahrhundert in der Region des Titicaca-Sees nachgewisen werden und die dortigen Orte reklamieren für sich, die Geburtsstätte der Morenada zu sein. Tatsächlich findet sich hier eine lange Tradition in der Herstellung von Kostümen.
  3. Der Legende vom Caporal zufolge kommt die Morenada aus den Yungas, wo die Anden ins Tiefland abfallen. Hier soll früher mit Hilfe der schwarzen Sklaven Wein produziert worden sein. Das aber lässt sich (zumindest für die Yungas) nicht nachweisen.
  4. Eine vierte Version sieht die Entstehung der Morenada in den Bergbaustädten Oruro und Potosi, wo schwarze Sklaven wegen ihrer kräftigeren Körper nicht in den engen Minen eingesetzt wurden, sondern nur  in den Prägewerkstätten (z.B. der Casa de la Moneda in Potosi). Wegen dieses „Privilegs“ wurden sie von den Indios in der Morenada verspottet.

Vielleicht darf man den Zugang zur Morenada daher bei allen Unklarheiten nicht in ihrer Geschichte suchen, sondern in ihrer gegenwärtigen folkloristischen Bedeutung:

Die Legende vom Caporal spielt auf einem Weingut in den Yungas. Die schwarzen Sklaven, die hier eingesetzt werden (weil sie zu groß für die engen Minenschächte waren und die Höhenluft nicht vertrugen), planen einen Aufstand gegen den Caporal. Zu  diesem Zweck wird dieser von einer schönen Morena abgelenkt und mit dem Wein betrunken gemacht. Derart seines Verstandes beraubt, wird der Caporal schließlich gezwungen, selbst die Trauben zu stampfen.

Tatsächlich handeln viele gesungene Morenadas vom Aufstand der Sklaven gegen den Caporal und der Tanz wird zunehmend in dieser Bedeutung interpretiert:

  • Das gleichförmige Fortschreiten der Tänzer repräsentiert die Sklaven auf ihrem langen und anstrengenden Fußmarsch von den Häfen der Ostküste (an denen sie aus Afrika ankamen) zu den Anden.
  • Die Ratsche repräsentiert das Kettenrasseln ihrer Fußfesseln auf diesem Weg.
  • Die fülligen Kostüme repräsentieren die Körpergröße der Schwarzen gegenüber den kleinwüchsigen Indios.
  • Die aufwändigen Verzierungen der Kostüme repräsentieren den hohen Sklavenpreis für afrikanische Sklaven (im Gegensatz zu den „billigen“, einheimischen Sklaven) – oder aber den Reichtum der Sklavenhalter.
  • Angeführt wird der Tanz vom „Rey Moreno“ (dem schwarzen König), was einerseits als Hinweis auf die andine Kosmologie interpretiert werden kann, andererseits historisch, als afrikanischen (insb. äthiopischen) König, der aus der Sklaverei befreit wird und seine Würde widererlangt. Schließlich wird hieran die Verknüpfung zwischen Morenada und dem Mohren der Heiligen Drei Könige hergestellt.

Sicherlich lassen sich noch weit mehr Bedeutungen ausmachen. Und man wird sich streiten können, ob man alle diese Bedeutungen wirklich an der Geschichte festmachen kann. Dann kann man kritisch anmerken, dass die Morenada überall auch ein wenig anders getanzt wird und es „die Morenada schlechthin“ garnicht gibt.

Aber man muss festhalten, dass dieser Tanz eine wichtige Funktion für die bolivianische Kultur hat: er festigt das nationale Selbstverständnis als ein Volk, das sich von seinen Besatzern selbstbewusst emanzipiert hat. Dass man als Ausländer dabei sogar zum Mittanzen aufgefordert wird, spricht Bände. Die Lektion 1 für alle Wahlbolivianer lautet daher: die Morenada!


Boliviens Verfassung – Presseschau No. 2

14. Februar 2009

Vor zwei Wochen haben wir versucht, eine Momentaufnahme vom Stand der Diskussion zu geben. Diese Woche (mittlerweile wurde die Verfassung feierlich in Kraft gesetzt) folgt die Fortsetzung…

Evo Morales trägt so viel Verantwortung wie nie zuvor
Damit die Verfassung in Kraft gesetzt werden kann, muss ein konfligtgeladener Weg beschritten werden, bei dem es entscheidend ist, wie sich Evo Morales politisch verhält. So heißt es in Das Parlament:

„Wichtig ist, dass Veränderungsmöglichkeiten eröffnet werden“, sagt der Lateinamerika-Experte in der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), Jonas Wolff. „Jetzt kommt es auf die Umsetzung an.“ Denn: Papier ist geduldig, besonders in Lateinamerika. Um die neue Verfassung realisieren zu können, müssen über 100 Gesetze geändert werden. Für einige Vorhaben braucht Morales eine Zweidrittelmehrheit. Im Abgeordnetenhaus kann die Regierung zwar die Mehrheit der 130 Parlamentarier hinter sich vereinen. Im Senat mit seinen 27 Sitzen herrscht jedoch die Opposition.

Vor dem Hintergrund der beiden Argumente im letzten Beitrag ergibt sich ein neues Bild: Erstens rückt der befürchtete Machtmissbrauch wieder in größere Ferne und zweitens haben auch die Präsidentschaftswahlen weniger Bedeutung. Nun wird es wichtig sein, dass sich Morales zeitnah mit der Opposition einigt.

Die vormals Unterdrückten sind die neuen Unterdrücker (2):
Diese These, dass die einstmals unterdrückten Indios nun die weiße Elite diskriminieren, ist provokant. Verständlich also, wenn der Versuch unternommen wird, sich mit dieser Argumentation kritisch auseinanderzusetzen. Bissig und tendenziös kommentieren die Interbrigadas auf Indymedia:

In diesen Kanon reihen sich deutsche PolitikwissenschaftlerInnen der Tagesthemen, die scharf analysieren, dass eine solche “positive Diskriminierung” der Indigenen nichts ändern wird und es stattdessen auf eine Zusammenführung der beiden Parteien ankäme. Diese wahrhaft demokratische Meinung unterschlägt die brutale Realität der Armut, deren Gründe sowie die jahrhundertlange Geschichte von Rassismus und Diskriminierung.  [...] Was Bolivien gerade durchmacht ist eine Art Klassenkampf der Wahlurne – nicht blutig, sondern demokratisch – eine schrittweise und sanfte Revolution: den “Cambio”, den Wechsel.

Natürlich muss man, wenn man es schon mit einem „Klassenkampf der Wahlurne“ zu tun hat, Position beziehen, auf der Seite welcher Klasse man steht. Wer da aber den Klassengegensatz leugnet, hat seine Position im Konflikt schon bezogen (ganz ohne Häme hat das ein Klassenkampf so an sich).

Damit schließen wir die Presseschau zur Verfassung (vorerst) ab. Wer eine ausführliche Übersicht über die deutschsprachigen Zeitungsmeldungen zur Verfassung bekommen möchte, sei noch an das Bolivien-Tagebuch verwiesen. Ansonsten scheinen aber wieder andere Dinge in die mediale Aufmerksamkeit gerückt zu sein. Na ja, alles andere hätte uns vermutlich Sorgen gemacht, oder?


Die Muttersprache von Evo Morales

14. Februar 2009

Welche ist die Muttersprache von Evo Morales? Und welche Sprachen beherrscht er noch? Auf Welt Online hieß es:

Zu diesen Aymara gehört Morales, der allerdings die Sprache seines Volkes kaum beherrscht, sieht man von ein paar Wendungen ab, die er hier und da publikumswirksam nutzt.

Und die schweizer Weltwoche hatten wir schon früher einmal so zitiert:

Dass mit Morales erstmals ein vermeintlicher „Indio“ – in Wirklichkeit ist der Gewerkschafter, der keine einzige der 36 Indianer-Sprachen Boliviens beherrscht, ein klassischer Mestize – auf dem Präsidententhron Boliviens sitzt, ist schlicht Unsinn.

Heute lese ich aber auf der Seite des National Geographic über Morales’ Wahlkampf:

Er begann seine Rede in einem stark vom Dialekt gefärbten Spanisch. „Wir sind Aymara, Quechua, Guaraní – die legitimen Besitzer dieses prächtigen bolivianischen Landes!“, rief Morales unter Jubel und Applaus, im Lärm von Rasseln und Pfeifen. Irgendwo schlug jemand eine tiefe Bombo-Trommel. Ein Präsident, dessen Muttersprache nicht Spanisch ist? Unmöglich.

Die Autorin dieser Zeilen ist die mexikanische Journalistin Alma Guillermoprieto, und ich möchte meinen, dass sie mit ihrer Muttersprache Spanisch den Akzent von Evo Morales beurteilen können sollte. Auf der Homepage von Evo Morales wird sich über diese Frage dagegen gänzlich ausgeschwiegen – dabei könnte er doch mit seinen sprachlichen Wurzeln (sofern sie denn Aymara sind) kokettieren.

In der englischen Wikipedia wird schließlich aufgeführt, dass die indigene Abstammung schonseit jeher eine wichtige Rolle im bolivianischen Wahlkampf gespielt hat, etwa bei

Andrés de Santa Cruz (1829—who claimed that through his mother he was descended from Inca rulers), Mariano Melgarejo (1864), Carlos Quintanilla (1939), René Barrientos (1964), Juan José Torres (1976), Luis García Meza (1980), and Celso Torrelio (1981).

Also alles nur Wahlkampf? Wer macht uns hier was glauben und aus welchem Grund? Fragen über Fragen. Sachdienliche Hinweise zur Lösung dieses Rätsels dürfen gerne als Kommentar auf diesen Post hinterlassen werden…


Eindrücke vom Wahlabend

12. Februar 2009

Direkt vor den Wahlen war unser Zivi David in Santa Cruz, der „Hauptstadt“ des Media Luna, wo die Stimmung gegen die neue Verfassung stand. Den Wahltag selbst verbrachte er aber in La Paz, wo der Verfassungsentwurf weithin befürwortet wurde. Für unseren Blog hat er seine Eindrücke in Wort und Bild gefasst…

Am Wahltag war ich in La Paz. Ich habe die Wahlen im Fernsehen verfolgt und bin dannach auf eine Kundgebung gegangen, an der auch Evo Morales teilnahm. Vor dem Regierungpalast hatte sich schon eine große Menschenmenge versammelt, die alle in Hochstimmung waren, denn ca. eine Stunden zuvor wurden die Wahlergebnisse bekannt gegeben. Es wurden Lieder gesungen und immer wieder wurde Evo Morales aufgefordert eine Rede zu halten. Nach zwei Stunden im Regen kam er dann auch und sprach zur versammelten Menge. Nach fast jedem Satz brachen alle in Beifall und zustimmendes Rufen aus.

Die Befürworter der Verfassung in La Paz...

Die Befürworter der Verfassung in La Paz...

Als die Rede beendet war spielte eine mexikanische Band und heizte die Stimmung der Demonstranten noch mehr an. Die Menge war in Hochstimmung und wollte dieser freien Lauf geben. So entstand ein Straßenzug, der mit Getrommel und Gesang begleitet wurde. Immer mehr Menschen schlossen sich dem Zug an, sodass er bald auf ungefähr 200 Menschen anwuchs. So ging es eine Stunde durch die Straßen von La Paz, bis sich alle auf dem Prado versammelten und zu Tanzen begannen.
Mich hat dieses Erlebnis sehr beeindruckt, denn ich hatte das Glück beide Städte, Stanta Cruz und La Paz, die als Hochburgen für „NO“ und „SI“ gelten, in ihren Reaktionen auf die Wahlen zu sehen.

Stimme dagegen! Diskutierende Männer in Santa Cruz.

Stimme dagegen! Diskutierende Männer in Santa Cruz.

In Santa Cruz haben die Menschen der bevorstehenden Wahl fast ängstlich gegenübergestanden, denn sie wollten auf jeden Fall vermeiden, das Hochland finanziell zu unterstützen. In La Paz habe ich die große Freude mitbekommen, die die Menschen empfanden, da sie nun nicht allein dastehen. (von David, Zivi in Bolivien)

Freudentaumel in La Paz

Freudentaumel in La Paz


Zur Dengue-Epidemie in Bolivien

8. Februar 2009

Zur Zeit tauchen in der deutschsprachigen Presse immer wieder Nachrichten über eine Dengue-Epidemie in Bolivien auf: rund 7000 Menschen sind bislang daran erkrankt, fünf Todesopfer hat es bereits gegeben. Die Gesundheitsversorgung ist im Tiefland deshalb völlig zusammengebrochen, in fünf Departaments wurde der Notstand ausgerufen. Hier wiederum Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Was ist Dengue überhaupt?
Das Dengue-Fieber ist eine Viruserkrankung, die weltweit, aber besonders in den Tropen vorkommt. Das liegt vor allem am Verbreitungsgebiet der Aedes-Mücke, die den Virus überträgt.

Der Krankheitsverlauf ist in der übergroßen Mehrzahl der Fälle einer Grippe unauffällig ähnlich. Bei wenigen Fällen (insb. bei erneuter Ansteckung) kommt es jedoch zum Ausbruch eines hämorrhagischen Fiebers, also zu unkontrollierten Blutungen im Körper. Bei der Hälfte dieser Fälle verläuft das Denguefieber schließlich tödlich.

Dengue breitet sich derzeit weltweit rapide aus. Verantwortlich hierfür sind v.a. die globale Erwärmung (Vergößerter Lebensraum für die Aedes-Mücke) und der weltweite Reiseverkehr. In Deutschland, wo die Krankheit meldepflichtig ist, werden jährlich rund 140 Krankheiten registriert.

Die Krankheit kommt vermutlich urspränglich aus Afrika, hat sich dann vor rund 600 Jahren nach Asien und vor rund 200 Jahren nach Lateinamerika ausgebreitet. Dort hat sich das Verbreitungsgebiet in den letzte Jahren deutlich ausgeweitet. Es wird zudem vermutet, dass sich Dengue als biologischer Kampfstoff eignet und 1981 vom CIA auf Kuba eingesetzt wurde – also möglicherweise auch der Mensch die Verbreitung mutwillig vorantreibt.

Wie kann man sich schützen?
Gegen Dengue gibt es bislang keine Impfung. Man kann nur die Symptome lindern und gegen die Infektion vorbeugen.

Bei Epidemien wird oft in großem Maßstab versucht, die Mücke zu bekämpfen, um die Verbreitung des Virus zu verhindern. Thomas, der im Norden Boliviens in einem anderen Projekt als Zivi hilft, berichtet in seinem Blog über die bolivianischen Maßnahmen gegen die Epidemie:

Weil hier zur Zeit viele das Dengue-Fieber haben (wird von einer speziellen Mückenart übertragen), schickt die Stadt Arbeiter los, die mit einem Gerät einen bestimmten Qualm um die Häuser versprühen, damit die Mücken verschwinden. Eine Mitarbeiterin, die noch neu ist, hat sich ziemlich erschrocken, als plötzlich dichter Qualm zu ihr in Haus drang (wir haben hier selten Glasfenster, nur Drahtgitter) und  kam direkt mit einer Atemmaske nach draußen; war dann aber beruhigt, das es doch nur harmlos war.

Unabhängig davon empfiehlt das Auswärtige Amt allen Reisenden, die von der Epidemie betroffenen Gebiete zu meiden.

Welche Auswirkungen hat das auf SARIRY?
Tilata liegt nicht in den Gebieten, die derzeit von der Epidemie betroffen sind. Insofern besteht im Moment kein Grund zu Sorge. Wir werden die Lage jedoch weiterhin genau im Auge behalten…


David möchte die Hygiene verbessern

2. Februar 2009

Während Vitus an seinem Breakdance-Projekt arbeitet, hat sich unser Zivi David mit ganz grundsätzlichen Verbesserungsmöglichkeiten beschäftigt:

Was mir am Herzen liegt, ist die Hygieneerziehung der Kinder. Ich erachte es als sehr wichtig den Kindern zu vermittlen, für was beispielsweise das Händewaschen nach dem Klogang wichtig ist.

In Tilata gibt es erst seit August letzten Jahres eine öffentliche Wasserversorgung. Zuvor musste das Wasser aus Brunnen geschöpft werden, die oft jedoch nur zu den oberen Schichten des Grundwassers reichten – mit fatalen Folgen: Da es keine Kanalisation gab, sickerten die Abwässer ins Grundwasser und gelangten so auf direktem Wege wieder in die Nahrungskette.

Um dieses Problem zu umgehen, ließ sich SARIRY von einem Tanklaster mit Wasser beliefern. Das Wasser war damit zwar zunächst frei von Verunreinigungen, die Lagerung des Wassers war aber ein großes Problem: Das Wasser stand in den schlecht verschließbaren Fässern und war der starken Höhensonne ausgesetzt. Je länger das Wasser also so gelagert wurde, desto schlechter wurde seine Qualität.

Das Trinkwasser musste früher in Fässern gelagert werden

Das Trinkwasser musste früher in Fässern gelagert werden

Seit wenigen Monaten gibt es nun in SARIRY einen öffentlichen Wasseranschluss, der den Familien von Tilata Zugang zu sauberem Wasser ermöglicht. Diese verbesserten Bedingungen sind eine wichtige Grundlage für die Hygieneerziehung von David.

Allerdings gibt es mit der Wasserleitung noch große technische Probleme:

Leider ist die neue Wasserinstallation im Projekt suboptimal. Es wurden Plastikleitungen verlegt, die offen liegen und somit öfter auch mal einen Fussball abbekommen. Der einzige Wasserhahn ist an der Küchenwand angebracht, was zur Folge hat, dass die Wand oft nass ist. Zudem ist der Wasserhahn aufgrund einer schlechten Installation großen Kräften ausgesetzt und daher schon des Öfteren kaputt gegangen.

Leider hat bei der Wasserleitung, wie auch sonst bei so vielem in Tilata, das Geld gefehlt. Dadurch konnte nur eine provisorische Lösung für die schlechte Wasserversorgung realisiert werden – aber immerhin: eine Lösung!

Die Feuchtigkeit in den Wänden kann man dennoch nicht hinnehmen. In Tilata werden viele Häuser aus luftgetrockneten Adobe-Ziegeln gebaut, weil diese wesentlich günstiger als gebrannte Ziegel sind. Werden solche Mauern nass (z.B. durch Regen), fallen sie oft ein. Insofern braucht es eine dringende Lösung! David hat auch schon einen Plan:

Ich will die Installation des Wasserhahns verbessern, indem ich zuerst den Wasserhahn fest an der Wand intalliere und dann eine Abdeckung dahinter anbringe, um die Wand vor den ständiger Feuchtigkeit zu schützen. Die Kosten für die Massnahmen dürften nicht sehr hoch sein.

Und David denkt schon einen Schritt weiter:

Zudem wäre es sinnvoll, in den Toiletten Waschbecken anzubringen, um den Kindern die Möglichkeit zu geben, sich nach dem Toilettengang die Hände zu waschen und somit die Hygieneerziehung anzuregen.

Trotz schlechter Hygiene keine Berührungsängste

Trotz schlechter hygienischer Bedingungen keine Berührungsängste

Es gibt für David also noch viel zu tun: Zunächst muss er die bestehenden technischen Probleme in den Griff bekommen. Dann kann er sich daran machen, die sanitären Bedingungen durch die Installation von Waschbecken zu verbessern (bisher kann man sich die Hände nur in einer gemeinsamen Waschschüssel waschen, was die Übertragung von Krankheitserregern begünstigt). Um die hygienischen Bedingungen jedoch wirklich nachhaltig zu verbessern, müssen die Kinder über die richtigen Verhaltensweisen aufgeklärt werden. Noch fehlt das nötige Geld für den Ausbau der Sanitäranlagen, doch David wird nicht müde, für besser Bedingungen zu kämpfen. Zumindest in der Erziehung zu mehr Hygiene hat er schon mal anfangen…

Lieber David, vielen Dank für das tolle Engagement. Hoffentlich haben wir bald genug Geld zusammen, damit Du die dringend nötigen Waschbecken bauen kannst.

Wenn Sie uns und David helfen möchten, die Wasserinstallationen zu verbessern, können Sie gerne spenden. Die Bankverbindung zu unserem Spendenkonto finden Sie hier. Schon kleine Beträge können große Veränderungen bewirken!