Die Problematik der Patenschaften

31. März 2009

Bei unserem Verein wird häufig angefragt, ob sich eine Patenschaft für ein Kind übernehmen ließe – was wir immer wieder verneinen müssen. Heute möchte ich darstellen, was es aus unserer Sicht mit Patenschaften auf sich hat.

Vorteile einer Patenschaft
Fangen wir mit den Vorteilen an: Patenschaften haben nämlich tatsächlich eine Menge Vorteile, die wir Ihnen nicht verschweigen wollen. Zunächsteinmal natürlich für das betroffene Kind: in der beklemmenden Situation von Armut ist es schön, einen engagierten Fürsprecher und Mentor zu haben (kleine Geschenke sind natürlich auch immer willkommen). Für den Unterstützer ist es dagegen besonders reizvoll, wenn die eigene Hilfe ein Gesicht bekommt und er direktes Feedback zu Erfolgen und Misserfolgen erhält. Und deswegen ist er auch dazu bereit, regelmäßig einen höheren Betrag zu spenden. Und davon profitiert letztlich auch die Hilfsorganisation: je mehr regelmäßige Förderer es gibt, desto weniger Aufwand muss betrieben werden, um den Haushalt zu decken. Umgekehrt muss zudem weniger Aufwand betrieben werden, um die Verwendung der Spende nachweisen zu können – eine Patenschaft ist an sich schon ziemlich transparent.

„Sariry muss verrückt sein, wenn es auf all diese Vorteile verzichtet“, mögen Sie nun vielleicht denken. Nun, wir denken, dass die Nachteile von Patenschaften deutlich überwiegen. Doch machen Sie sich selbst ein Bild:

Probleme einer Patenschaft
Zunächst haben wir in Tilata mit einer großen Bevölkerungsfluktuation zu kämpfen. Für viele Familien ist Tilata leider nur eine Zwischenstation auf ihrer Suche nach dem besseren Leben. Für eine dauerhafte Patenschaft ist das aber hinderlich: wie geht eine Patenschaft weiter, wenn die Kinder wegen eines Umzugs nicht mehr ins Projekt kommen können? Die Enttäuschung auf beiden Seiten der Patenschaft ist vorprogrammiert.

Freilich haben wir auch einen großen Stamm an Kindern, die schon seit Jahren in Sariry betreut werden. Sollte man Patenschaften also an die Bedingungen regelmäßiger und dauerhafter Teilnahme am Projekt knüpfen? Leider haben das die Kinder aber nicht selbst in der Hand: bei einem Umzug haben Kinder (nicht nur in Bolivien) selten ein Mitspracherecht. Und so handfest sind die Vorteile einer Patenschaft für die Familie nicht, dass sie sich deshalb einen besseren Job andernorts durch die Lappen gehen ließe und auf den Umzug verzichteten.

Der monatliche Beitrag, den die Paten leisten, geht selten direkt an die Familien – sondern bleibt meist im Projekt. Das ist auch richtig so: stellen Sie sich das soziale Klima in einer Jugendgruppe vor, in der die eine Hälfte der Kinder einen Paten hat (und regelmäßig Briefe, Geschenke und Taschengeld bekommt) und die andere Hälfte nicht. Wenn ein Projekt keine Patenschaften für jedes Kind garantieren kann, wird es tunlichst vermeiden, dass die Paten zu viel Einfluss auf ihre Patenkinder nehmen können: Die Patenschaften würden im Projekt mehr Probleme erzeugen als lösen.

Warum aber lässt sich nicht einfach für jedes Kind ein Pate finden? Einen Grund habe ich Ihnen schon vorgestellt: laufende Zu- und Fortzüge. Ein weiterer Grund ist leider in allen Patenprojekten traurige Realität: nicht alle Kinder sind gleichermaßen an Paten zu vermitteln. Da gibt es die kleinen Mädchen, die mit Schleife im Haar und einem charmanten Zahnlückenlächeln alle Interessenten in ihren Bann ziehen – solch ein Patenkind will jeder haben. Unscheinbare, ältere Kinder, die gar noch Behinderungen oder andere Auffälligkeiten mitbringen, sind für viele Menschen „eine Nummer zu groß“. Oft hätten aber gerade solche Kinder einen Paten bitter nötig und verdient. Und weil Sariry gerade auch solchen Jugendlichen helfen möchte, kommt ein Patenschaftssystem für uns nicht in Frage.

Ich möchte Ihnen einen letzte Grund nennen (und es gäbe sicher noch weitere): denken Sie auch an die Kinder! Bei Patenschaften geht es oft nicht so sehr um die Kinder, sondern um eine effiziente Form des Spendensammelns. Die Paten sollen durch Kinderzeichnungen und kleine, authetische Briefe dazu animiert werden, regelmäßig einen höheren Betrag zu spenden. Um diese Verheißungen einzulösen, müssen die Kinder in der Herstellung von Briefen und Zeichnungen und als Modelle bei Fotoshootings oft so einiges über sich ergehen lassen. Ich übetreibe das Argument: Patenschaften sind ein Geschäft mit den Gefühlen der Spender – und dass die Kinder dafür instrumentalisiert werden, ist aus unserer Sicht alles andere als  im Geist von Entwicklungszusammenarbeit.

Die Alternative zur Patenschaft
Wir haben überlegt: niemand möchte nur ein Goldesel für soziales Engagement sein. Im Gegenteil: natürlich möchte man direkten Anteil an den Erfolgen seiner Unterstützung nehmen können. Daher bieten wir „thematische Patenschaften“ an.

Werden Sie zum Beispiel Pate für die medizinische Versorgung in Sariry – davon profitieren alle Kinder und niemand wird benachteiligt. Wie das geht? Werden Sie Förderer von Sariry! Sie unterstützen uns mit einem regelmäßigen Betrag und können dabei Einfluss auf den Verwendungsbereich der Spende nehmen. Im Gegenzug informieren wir Sie über die Fortschritte, die mit ihrer Spende erwirkt werden konnten. Wir denken, dass dieses Angebot die beste Alternative zur herkömmlichen Patenschaft ist.

P.S.: Noch eine wichtige persönliche Anmerkung zum Schluss: Ich halte es für äußerst unfair, andere soziale Projekte schlecht zu machen, um Spender für die eigene Sache zu gewinnen. Viel wichtiger ist es mir, dass sich Menschen überhaupt sozial engagieren. Ich möchte Sie daher auch nicht von einer Patenschaft abhalten, wenn das für Sie die persönlich beste Möglichkeit zu sozialem Engagement ist. Ich wollte Ihnen nur verständlich machen, warum es bei Sariry keine Patenschaften gibt. Nun liegt es alleine an Ihnen…


Altkleidersammlung im Landkreis Mühldorf

28. März 2009

Die Unterstützung des Projekts durch die KLJB Mühldorf reicht in eine Zeit zurück, als es den SARIRY Deutschland e.V. noch garnicht gab und wir als reine Privatpersonen die Ärmel hochkrempelten. Heute sind wir organisatorisch einen großen Schritt weiter – an der Notwendigkeit der Hilfe hat sich jedoch leider kaum etwas geändert. Daher unterstützt uns der Kreisverband der KLJB Mühldorf nach wie vor mit allen Kräften: wie schon die Jahre zuvor wird ein Teil des Erlöses aus der Aktion Rumpelkammer für die Unterstützung in Bolivien verwendet. Vielen herzlichen Dank an dieser Stelle für die vielen gemeinsamen Jahre!

Dieses Jahr ist es bei der Aktion Rumpelkammer wieder soweit: Am kommenden Samstag den 04.04.09, sammelt die KLJB im Landkreis Altkleider, Bett- und Haushaltswäsche, Federbetten und tragfähige Schuhe. Die dazugehörigen Sammelsäcke bekommen Sie bei der Ortsgruppe der Landjugend. Weitere Infos dazu finden Sie auf diesem Informationsblatt, oder wiederum bei der KLJB-Gruppe in Ihrem Ort.

Wie gesagt: ein Teil des Erlöses geht auch dieses Jahr wieder an Sariry. Daher möchten wir alle Menschen im Landkreis Mühldorf bitten, die Aktion „Rumpelkammer“ der KLJB zu unterstützen – ein herzliches Vergelts-Gott dafür!


TV-Hinweis: Che Guevaras letzter Kampf

23. März 2009

Kaum ein Politiker wurde so zur Ikone, wie Che Guevara: sein Konterfei schmückt T-Shirts, Plattencover und immer häufiger sogar Werbung. Viele verbinden mit Che noch die Kubanische Revolution, nur wenige wissen jedoch, dass Che Guevara in Bolivien bei dem Versuch starb, eine neue Revolution zu entfachen. Diesen letzten Versuch zeichnet die Dokumentation nach: Für alle, die die Reportage vor zwei Monaten verpasst haben, nun also eine Wiederholung…

PHOENIX: 27.03.2009, 21.30 Uhr,
Che Guevaras letzter Kampf. Der Tod war sein größter Sieg.

P.S.: Wer die Doku dann immer noch nicht gesehen hat: eine weitere Wiederholung kommt am 18.04. um 11:00 Uhr, ebenfalls auf PHOENIX.


Plan und Wirklichkeit

18. März 2009

Als ich 2006 das Projekt in Bolivien besuchte, hatte ich das Vergnügen, mich intensiv mit dem Subalcalde (entspricht in etwa dem Bürgermeister) von Tilata über die Entwicklungschancen des Ortes austauschen zu dürfen. Der Subalcalde war ein etwas älterer, charmanter Herr, der damals frisch ins Amt gekommen war, um seinen korrupten Vorgänger zu ersetzen. Den Mangel an politischer Erfahrung sollte ein junger Akademiker ausgleichen, der ihm als Assistent zur Seite gestellt worden war. Leider war die Gemeindekasse aber absolut leer (vermutlich sogar mehr als das) und die staatlichen Stellen wollten keine zusätzliche Unterstützung geben. Da der Subalcalde aber neben viel Idealismus auch einen außerordentlichen Ehrgeiz mitbrachte und nicht im geringsten vorhatte, seine Zeit in dem kleinen Ort abzusitzen, musste er kreativ sein: Als einzig machbare Politik schien ihm, die Aktivitäten der Unternehmen und sozialen Einrichtungen in Tilata aktiv zu koordinieren. Und da stand SARIRY ganz oben auf seiner Liste.

Bei diesem Gespräch habe ich einen Straßenplan von Tilata ergattert: Man entschuldige bitte die schlechte Qualität der Karte – ich musste eine Fotokopie abfotografieren und das Ganze nachträglich mit einem Grafikprogramm überarbeiten. In Deutschland angekommen hab ich mir dann noch bei Google Maps ein Satellitenfoto besorgt (und auch etwas nachbearbeitet). Ich glaube man sieht daran nun ganz schön die Diskrepanz zwischen Plan und Wirklichkeit:

Tilata auf dem Plan...

Tilata auf dem Plan...

... Tilata in der Wirklichkeit

... Tilata in der Wirklichkeit

Das Problem der Siedungsdichte
Was sofort auffällt, sind die riesigen Baulücken. Ein Großteil der Grundstücke ist noch unbebaut. Und während einige Parzellen ihre Grenze zumindest durch eine provisorische Mauer andeuten (hinter der sich oft nichts verbirgt), ist der weitaus größere Flächenanteil des Ortes ohne jegliche Markierung. Zudem sind die Straßen in Tilata nicht asphaltiert und unterscheiden sich so nicht wahrnehmbar von den Baulücken. Vor Ort kann man die Struktur im Stadtplan also nicht nachvollziehen.

Dabei hatte sich der Plan so einiges vorgenommen: Man sieht deutlich, dass der Ort von kleinen Zentren durchzogen sein sollte, in denen die Nachbarschaft zusammenfindet. Diese Zentren wären städtebauliche Orientierungspunkte für das Gemeinwesen geworden: Parks, Sportplätze, kleine Treffpunkte. In der Praxis gibt es allerdings überhaupt kein Zentrum.

Das hat schwere Konsequenzen auf das Sozialgefüge von Tilata. Der Ort leidet darunter, dass es kein Zentrum gibt: der nächste Marktplatz, an dem sich Angebot und Nachfrage treffen können liegt weit entfernt. Und oft erstreckt sich die Reichweite der sozialen Kontakte nur über ein paar Straßen – und umfasst damit nur einige wenige Menschen. Angebote wie Sariry werden daher als sozialer Treffpunkt gerne angenommen und haben eine wichtige Funktion in der Ortschaft.

Die geringe Bevölkerungsdichte birgt aber ein weiteres Problem: die Entwicklung der Infrastruktur kostet viel und erreicht dabei nur wenige Menschen. Die Gemeinde hat einfach nicht genügend Geld, um kilometerlange Wasser- / Abwasserrohre, Straßennetze, etc. zu legen, wenn am Ende nur ein Dutzend Haushalte tatsächlich davon profitieren (das selbe Argument gilt für Schulen, Krankenhäuser, etc.). Die Kosten der Infrastrukturerrichtung sind bei der geringen Siedlungsdichte einfach zu hoch.

Das Problem der Innenraumentwicklung
Das Satellitenfoto täuscht sogar, denn tatsächlich sind viele der Häuser vor Ort unbewohnt:

Irgendwann haben Leute das Grundstück gekauft, um dort ihr neues Leben anzufangen. Schnell mussten sie jedoch feststellen, dass in Tilata schlechte Lebensbedingungen vorherrschen und es kaum Aussicht auf eine schnelle Besserung gibt: keine Grundversorgung, wenig Arbeit, etc.. Deshalb haben sie, als sie im Zentrum bessere Arbeit gefunden haben, einfach ihr Haus zurückgelassen. Dort steht es nun – oft völlig verwahrlost, und teilweise sogar in sich eingefallen.

Die Grundstücke in Tilata haben ihre Eigentümer alle bereits gefunden. Diese interessieren sich aber nicht mehr für den Ort und blockieren damit (ohne Mutwilligkeit), dass der Ort zusammenwachsen kann. Ein Teufelskreis ist in Kraft gesetzt: Solange der Ort so zersiedelt ist, bleibt die Infrastruktur von Tilata aus Kostengründen unterentwickelt. Solange es aber keine Infrastruktur gibt, besteht für die Eigentümer der Grundstücke kein Anreiz, die Baulücken zu schließen und nach Tilata zurückzukehren. Vor diesem Hintergrund wird vielleicht erst verständlich, warum wir so stolz darauf sind, dass nach langen Verhandlungen ein Wasseranschluss als Prototyp ins Projekt gelegt wurde. Es geht eben auch darum, mit einer Vorausleistung die Abwärtsspirale zu durchbrechen.

Das Problem der Fluktuation
Ein letztes Problem (zumindest für diese Darstellung) muss Tilata bewältigen: Nach wie vor kommen neue Menschen von außerhalb der Stadt an. Für sie ist Tilata bereits eine Verbesserung ihrer Lebensbedingung – das heißt aber nicht, dass sie vorhaben, hier dauerhaft zu bleiben. Sobald das Zentrum von La Paz mit besserer Arbeit lockt, werden viele von ihnen weiter in Richtung Stadtmitte ziehen. So ist es in Tilata ein ständiges Kommen und Gehen – ein gesundes Gemeinwesens kann sich in Tilata aber kaum ausbilden.

Mit jeder neuen Person, die kommt, ist die Chance verbunden, dass der Ort ein wenig zusammenwächst – und mit jeder Person, die wieder geht, ist die Gefahr angezeigt, dass der Ort immer weiter verwahrlost und zu einer Wartehalle auf bessere Zeiten verkommt. Es gilt also, die Bevölkerungsfluktuation in Tilata deutlich zu verringern (zum Beispiel: die Push-Faktoren des Standorts ausmerzen und die Pull-Faktoren entwickeln).

Die Rolle von Sariry
Es ist illusorisch, dass Sariry diese Situation grundlegend ändern kann (etwa durch Straßen- oder Kanalbau). Und doch hat Sariry eine wichtige Funktion in der kommunalen Entwicklung:

Wenn den Menschen mit Sariry handfeste Perspektiven geboten werden, bleiben sie vielleicht ein wenig länger in Tilata. Vielleicht trägt sie die Hoffnung, dass der Ort eine Zukunft hat – und vielleicht kann man dieser Hoffnung eine Berechtigung geben, wenn man deutliche Signale setzt. Der Wasseranschluss im Projekt macht Mut. Die Erwachsenenbildung im Projekt gibt Perspektiven. Kontakte werden geknüpft – der Ort wächst zu einer Gemeinschaft zusammen. Die Menschen bleiben und Tilata gewinnt an Profil. Das ist sicher noch nicht genug, um sich darauf ausruhen zu können, aber eine wesentliche Bedingung dafür, dass es mit der kommunalen Entwicklung überhaupt weiter gehen kann.

Ich hatte in der Einleitung ja bereits erwähnt, dass der Subalcalde bei unserem Gespräch einen beeindruckenden Idealismus zeigte – vielleicht, weil er erst jung im Amt war: er musste seinen korrupten Vorgänger ersetzen. Gerade weil er aber über die alltägliche Korruption in einem armen Land wie Bolivien wusste, hatte er kaum noch Vertrauen in die Kommunalverwaltung. Sein eigener Handlunsspielraum war auf die Amtszeit beschränkt, sein Budget war mehr als knapp – und er hatte auch keine Hoffnung, dass sein Nachfolger die eigenen Projekte gewissenhaft fortführen würde. Für ihn kam das einer politischen Ohnmacht gleich.

Die einzig Perspektive, die er daher für Tilata sah, lag in ausländischen Hilfsorganisationen: erstens, weil Dollar mehr bewegen als Bolivianos, zweitens aber wegen des dauerhaften, stabilen und gewissenhaften Engagements. Seine konkreten Hoffnungen, die er mir gegenüber äußerte (insbesondere zur Höhe zukünftiger Investitionen) waren vollkommen übertrieben – aber die Grundidee blieb mir in guter Erinnerung: in einem politisch instabilen Land mit hoher Korruption kann man von staatlichen Stellen nur kurzfristige Unterstützung erwarten – das langfristige Engagement muss dagegen von unabhängigen Organisationen wie Sariry kommen.

Ein Ort, in dem es kaum sozialen Zusammenhalt gibt, weil fortwährend Menschen zu- und fortziehen, – ein Ort, in dem es kein Zentrum und keine Peripherie, keine Vergangenheit und (fast) keine Zukunft gibt, – ein Ort wie Tilata braucht die dauerhafte Unterstützung von einem Projekt wie Sariry.


TV-Hinweis: Der Pfad des Kriegers

12. März 2009

Michael Nothdurfter gehört wohl zu den spannendsten Persönlichkeiten der bolivianischen Geschichte: als Jesuit war er 1982 als Missionar nach Bolivien gekommen. Über die Ideen der Befreiungstheologie (ich habe mir fest vorgenommen, in Zukunft mal einen Beitrag darüber zu posten) findet er jedoch zum Marxismus und wird Guerillero. So verübt er einige Anschläge, bis er 1990 den Chef von Coca Cola Bolivien entführt. Bei einer spektakuläeren Befreiungsaktion stirbt er schließlich am 5. Dezember 1990 im Kugelhagel.

Der ORF bringt nun in Kürze die vielgelobte Dokumentation „Der Pfad des Kriegers“ (Regie: Andreas Pichler) über Michael Nothdurfter. Laut einer Rezension auf Spiegel-Online versucht der Film dabei den Bogen etwas weiter zu spannen. Es geht um die Parallelen zum bewaffneten Islamismus und auch zur RAF in Deutschland:

Unter bestimmten psychosozialen Voraussetzungen, so die Botschaft im Film, lässt sich eben nicht nur der Koran, sondern auch die Bibel als Aufruf zur Bewaffnung lesen. Jesus erlangt nach dieser Interpretation den Status eines Revolutionärs; der ähnlich ikonografisch strahlende Che Guevara war sozusagen Christus’ säkularisiertes Ebenbild.
Die Bibel und der bewaffnete Widerstand – gehen sie wirklich so leicht zusammen? Unweigerlich fällt einem die christliche Sozialisation von RAF-Mitgliedern wie Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin ein, wie sie ihre frühe Kritik an den Verhältnissen aus ihrem christlichen Weltbild ableiteten.

Eine sicherlich sehenswerte Dokumentation für alle, die im Süden Deutschlands wohnen oder den Österreichischen Rundfunk anderweitig empfangen können.

ORF2: 17.03.2009, 22.30 Uhr,
Kreuz und Quer: Der Pfad des Kriegers.


Heute ist Morgen

11. März 2009

Wenn man den Zynikern Glauben schenken darf, ist Umweltschutz ein Luxus, den sich die reichen Menschen leisten können und sich die ärmsten Menschen leisten müssen, denn mit dem was die Reichen wegwerfen, lässt sich oft noch so einiges anfangen  (trauriges Stichwort: Müllmenschen). In Lateinamerika, wo die Gegensätze von Reich und Arm massiv sind, ist Umweltschutz allerdings oft kein Thema: im Bergbau werden Erze mit hochgiftigen Chemikalien aus dem Stein gewaschen und die Regenwälder werden rücksichtslos abgeholzt.

Anlass genug, um ein Zeichen zu setzen: das Goethe-Institut hat in Südamerika einen Video-Wettbewerb mit dem Thema „Heute ist Morgen“ durchgeführt. Es ging um Kurzfime zum Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Unter den Jugendlichen haben zwei bolivianische Teams aus Santa Cruz die ersten Plätze belegt, bei den Erwachsenen liegt ein bolivianischer Film (ebenfalls aus Santa Cruz) auf dem dritten Platz. Die Blickwinkel der Filme entstammen zwar sicherlich nicht der bolivianischen Unterschicht (wer würde dort auf einen Wettbewerb des Goethe-Instituts aufmerksam?) – aber das muss ja nichts heißen: wichtig genug, dass man sich dem Thema in Bolivien annimmt.

Ich möchte allen Lesern diese wirklich sehr gelungenen Filme ans Herz legen! Umweltschutz ist eben nicht wie eine Diät, nach dem Motto: morgen fangen wir damit an. Heute ist bereits Morgen!


Kleine Werbeunterbrechung

10. März 2009

Es ist normalerweise nicht im Sinne dieses Blogs, Werbung für kommerzielle Angebote zu machen – heute mache ich aber mal eine Ausnahme. Ich weiß wie schwierig es ist, Bolivien zu bereisen – insbesondere für alle, die keine Lust haben, das Land in Eigenregie zu entdecken (also Spanisch zu lernen, sich von Herberge zu Herberge durchzuschlagen, etc.).

Genau in diese Marktlücke stößt Simple & Fun, die Pauschalreisen (?) nach Bolivien zum sportlichen Aktivurlaub anbieten. Ich kann nicht dafür bürgen, dass sich die Reisen lohnen (Erfahrungen dürfen hier wie immer gerne als Kommentar hinterlassen werden), – für Natur- und Sportbegeisterte scheint es laut Programmbeschreibung aber eine recht runde Sache zu sein: man bleibt zwar immer in der Nähe von La Paz (also Yungas, Titicaca-See, etc.), aber mehr kann man in zwei Wochen sicherlich auch nicht machen, ohne dass der Urlaub in Stress ausufert.

Doch vielleicht entwickelt sich ja in dieser kurzen Zeit die große Liebe zu Bolivien und macht Lust auf mehr…


TV-Hinweis: Stadt der Gefangenen

7. März 2009

Am 13. März bringt Kabel1 eine sehr sehenswerte Doku von 2005, die ich schon seit einiger Zeit von MyVideo kenne (9 Teile à 5 Minuten). Es geht um das Leben in Palmasola, einer Gefangenenstadt in Bolivien.

Es ist ein klassischer Fall von „aus der Not eine Tugend machen“: Häufig liest man von einem neuartigen Ansatz im Justizvollzug, der auf dem Papier einst hohe Beachtung fand: man sperrt Verbrecher in eine abgeriegelte Stadt und überlässt sie dort sich selbst. Um hier zu überleben, so die Idee, müssen die Kriminellen selbständig wieder ein gesundes Sozialverhalten erlernen.

Die Realität sieht anders aus: Palmasola bleibt nicht deshalb sich selbst überlassen, weil dahinter ein neuartiges Konzept steht, sondern schlicht deshalb, weil das Geld für mehr fehlt. Die Stadt wird von Banden regiert – die Lebensbedingungen sind denkbar schlecht. Die Lebensmittelversorgung besteht aus Schlachtabfällen, Drogen sind überall leicht erhältlich. Und der Staat greift – ganz im Sinne des „Konzepts“ – nicht ein. Kriminalität kuriert sich hier nicht an sich selbst, sondern wird potenziert.

Mit den wärmsten Empfehlungen der TV-Hinweis – und für alle, die schon einen Vorgschmack möchten, darunter die Kurzfassung als YouTube-Video:

Kabel1: 13.03, 00:15 Uhr
K1 Reportage: Stadt der Gefangenen


Am Ende war der Tod stärker…

5. März 2009

Ich habe lange überlegt, ob ich die traurigen Neuigkeiten aus dem Projekt in unserem Blog überhaupt veröffentlichen soll. Die Vorfälle haben jedoch alle Menschen im Projekt zutiefst bewegt und der letzte Weg wurde intensiv von Sariry begleitet. Ich komme daher heute einer unerfreulichen Pflicht nach…

Vergangenes Jahr klagte der 13-jährige Veymar über anhaltendes starkes Kopfweh. Da die Eltern als Steinmetze arbeiten und nur wenig verdienen, wollten sie zunächst nicht zum Arzt gehen, konnten aber schließlich von der Projektleitung doch überzeugt werden. Der Arzt dignostizierte eine Hirnhautentzündung. Die Medikamente schlugen jedoch nicht an – im Gegenteil: der Zustand von Veymar verschlechterte sich rapide. Es kamen hohes Fieber und eine Lähmung der rechten Körperhälfte hinzu.

Offensichtlich waren weitere ärztliche Untersuchungen und Behandlungen dringend notwendig. Da die Familie wirtschaftlich dazu aber nicht in der Lage war, wurden ab diesem Zeitpunkt alle weiteren Behandlungsschritte von Sariry abgewickelt. Nach einer Computertomographie wird eine virale Enzephalitis vermutet und Veymar bleibt eine Woche im Krankenhaus. Kurzfristig schwinden die Symptome, kehren jedoch schnell wieder zurück. Daher wird ein operativer Eingriff empfohlen. Bei dieser Operation tritt schließlich völlig unerwartet der Gehirntod ein.

Die Menschen aus Tilata verabschieden sich von Veymar.

Die Menschen aus Tilata verabschieden sich von Veymar.

In Sariry hatten viele Menschen das Schicksal von Veymar mitverfolgt und für ihn gehofft. Als die Nachricht von seinem Tod eintraf, machte sich große Bestürzung breit.

Da es in Tilata keinen Friedhof gibt, ließ ihn seine Familie außerhalb der Stadt auf freiem Feld bestatten. Viele Menschen aus Tilata nahmen an der Beerdigung teil und erwiesen Veymar die letzte Ehre.

Bestürzung und Trauer: Veymar war allen ein guter Freund

Bestürzung und Trauer: Veymar war allen ein guter Freund

Ich möchte der Familie von Veymar auch im Namen aller deutschen Unterstützer unser großes Mitgefühl aussprechen. Am Ende war der Tod stärker…


Kurz notiert: Dengue-Epidemie

1. März 2009

Kurz notiert: AFP meldet, dass es bei der Dengue Epidemie in Bolivien (wir berichteten) bisher 34.000 Verdachtsfälle gegeben hat und sich die Anzahl der Toten auf 20 Menschen erhöht hat (zum Vergleich: vor einem Monat war noch von 7.000 Infektionen und 5 Toten die Rede). Zudem griff die Epidemie mittlerweise auch auf die Nachbarstaaten Argentinien, Chile, Paraguay und Peru über. In Sariry scheint die Epidemie allerdings bislang noch nicht angekommen zu sein…