Bolivien International II: Schurkenstaaten

28. Mai 2009

Die Bezeichnungen „Schurkenstaat“ oder „Achse des Bösen“ sind die am schwersten zu beseitigenden Altlasten aus der Regierung George W. Bush: dort, wo einmal schwarz-weiß gemalt wurde, lässt sich ein nuanciertes Bild kaum noch herstellen. In Kuba mag ein Regierungswechsel vollzogen worden sein, Obama mag Chavez die Freundschaft angeboten haben – in den Köpfen der Menschen ist die Welt nach wie vor in gut und schlecht geteilt (selbst – oder gerade – Überläufer können daran nichts ändern). Ist Bolivien nun also ein Schurkenstaat? Versuchen wir also auch in diesem Blog, zunächst schwarz-weiß zu malen…

Bolivien ist natürlich ein Schurke par excellence! In Bolivien wird, wie in anderen Ländern auch, Erdgas gefördert. Diese Länder haben sich, dem Vorbild der erdölexportierenden Staaten folgend, zur Organisation erdgasexoprtierender Länder GECF (Gas Exporting Countries Forum) zusammengeschlossen. Soweit, so unverdächtig! Wirft man jedoch einen Blick in die Liste der Mitglieder so stehen da unter anderem Iran, Venezuela und eben – Bolivien. Wer (wie wir in diesem Post) schwarz-weiß malt, bekommt eine Gänsehaut: sind das nicht dieselben Länder, die bislang ihre heftige Rhetorik gegen die USA mit derselben Sorgfalt pflegten, wie andere Leute Orchideen oder Autolacke?

Vielleicht ein anderes Beispiel: Als Anfang des Jahres der Konflikt im Gaza-Streifen eskaliert, brechen Venezuela und Bolivien aus Protest ihre diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. In Israel äußert man prompt die Befürchtung, dass dahinter eigentlich der Iran steckt: Dieser versuche nämlich immer stärker, politische Allianzen in Lateinamerika zu schmieden um den Antisemitismus in diesen Ländern zu schüren. Der wichtigste Verbündete dafür ist Venezuela: Mit venezolanischem Geld und Öl kauft sich Hugo Chavez den politischen Einfluss in Lateinamerika – häufig genug trat er mit seinen treuesten Gefolgsleuten Evo Morales und Fidel Castro gemeinsam auf. Alles nur Zufall?

Heute lese ich schließlich, dass Israel den beiden Ländern Bolivien und Venezuela vorwirft, Uran für das iranische Atomprogramm zur Vefügung zu stellen. Auf den ersten Blick einleuchtend: Die Schurkenstaaten machen mobil! Doch was steckt eigentlich dahinter?

Vielleicht wäre es für diesen Artikel nun an der Zeit, vom neuen Präsidenten der USA Kenntnis zu nehmen – und davon, dass sich die politischen Beziehungen mit ihm deutlich verschoben haben: der Ton zwischen den lateinamerikanischen Ländern und den USA ist freundlicher geworden, zwischen den USA und Israel dagegen etwas kritischer. So schreibt Amerika21 zu den jüngsten Vorwürfen Israels gegen Boliviens Beteiligung am iranischen Atomprogramm:

Unmittelbar vor dem Besuch des neuen israelischen Premierministers in Washington forderte die amerikanische Atomunterhändlerin Rose Gottemoeller Israel vor zwei Wochen auf, dem Nichtverbreitungsvertrag für Atomwaffen beizutreten. Sie nannte Israel scheinbar beiläufig zusammen mit Indien, Pakistan und Nordkorea.

Was ist passiert? Israel im selben Atemzug mit dem Schurken Nordkorea? Man erinnere sich dagegen zurück: Händeschütteln zwischen Obama und Chavez. Die alte Kategorie „Schurke“ / „Nicht-Schurke“ scheint irgendwie nicht mehr richtig funktionieren zu wollen. Möglicherweise ist mit dem neuen Präsidenten der USA eine neue Außenpolitik gekommen. Doch vielleicht ist ja auch einfach die Welt selbst nicht (mehr) so schwaz-weiß – wer weiß?

Für Bolivien kann man aber vielleicht festhalten: Es ist leicht, außenpolitische Akzente zu setzen, wenn die US-kritische Rhetorik von den Verbündeten getragen wird – und (wie unter Bush) sogar erwidert wird. Ist die Welt erst einmal polarisiert, dann kann man leicht auf der einen (oder anderen) Seite stehen und sich dadurch mehr Profil verleihen: „Ich gehöre zu den Guten!“ oder „Ich gehöre zu den Besseren!“. Nur spielt Obama dieses Spiel nicht mehr mit. Und dann können es auch die Schurken nicht mehr spielen. Ja dann macht die Unterscheidung von „Schurken“ und „Nicht-Schurken“ am Ende keinen Sinn mehr. War Bolivien vielleicht also nur deshalb ein Schurkenstaat, weil man ihm die Möglichkeit dazu gegeben hat? Ein kontroverses Thema – Kommentare sind erbeten…


Einige Anschaffungen in Sariry

23. Mai 2009

Wie immer sind wir um bestmögliche Transparenz bemüht, wenn es um die Verwendung Ihrer Spende geht und so können wir Ihnen ausnahmslos alle Ausgaben für Personal, Strom, Wasser, Lebensmittel, Unterrichtsmaterial, usw. auf dem Papier nachweisen. Nur: was hilft es, die dicken Rechenschaftsberichte bis ins letzte Detail durcharbeiten zu können, wenn man als Spender wirklich sehen möchte, was mit seinem Geld geschieht? Heute versuchen wir daher, einige exemplarische Anschaffungen „sichtbar zu machen“, die mit Ihrer Unterstützung in letzter Zeit möglich wurden.

Gymnastikmatten

Die körperliche Entwicklung fördern: Gymnastikmatten

Die körperliche Entwicklung fördern: Gymnastikmatten

Dass sich Kinder besser entwickeln können, wenn sie sich bewegen können, ist ein alter Hut. Daher haben wir in Sariry immer viel Wert auf Sport und Spiel gelegt. So haben wir nun endlich Gymnastikmatten angeschafft, damit die Kinder spielerisch und ohne Vereltzungsgefahr ihr Körpergefühl ausbilden können.

Hygieneartikel

Noch nicht jedermanns Freund: Zahnbürste, Zahnpasta und Seife

Noch nicht jedermanns Freund: Zahnbürste, Zahnpasta und Seife

Die hygienischen Bedingungen in Tilata haben bei uns nach wie vor höchste Priorität: ob es um den Wasseranschluss geht oder die Hygiene-Erziehung – die Vermeidung von Infektionskrankheiten ist ein Schlüssel zur Verbesserung der Lebensbedingungen in Tilata. Und wie so oft (z.B. Umweltschutz) können die Eltern auch hier von ihren Kindern lernen: daher bekommen gerade die Kinder in Sariry beigebracht, wie man mit Seife und Zahnbürste einen Beitrag leisten kann, die Gesundheit zu schützen. Und dafür brauchen wir kontinuierlich Anschauungs- und Übungsmaterial. Zuhause zeigen dann die Kinder ihren Eltern, wie man die Hygiene verbessern kann.

Zelte

Verantwortung und Teamgeist: Gemeinsam auf Wanderschaft

Verantwortung und Teamgeist: Gemeinsam auf Wanderschaft

Die Jugendlichen sind für Sariry vielleicht die schwierigste Zielgruppe. Sie sind oft schon für das Einkommen in der Familie (mit)verantwortlich, und von dieser Verpflichtung kann man nicht einfach freimachen. In ihrer Freizeit wollen sie dann aber natürlich lieber Abenteuer erleben, als in der Theorie zu lernen. Für die Jugendlichen wurde daher ein mehrtägiger Ausflug geplant, bei dem sie als Gruppe füreinander Verantwortung übernehmen müssen und dabei noch so einiges über die eigene Region erfahren können – eine Wanderschaft in die Yungas. Das Foto zeigt die Jugendlichen, wie sie ihre Zelte auf die Reisetauglichkeit prüfen…

Wir möchten uns ganz herzlich für Ihre Unterstützung bedanken! Bitte helfen Sie uns auch in Zukunft, wenn es darum geht, den Menschen in Tilata eine Perspektive zu geben…


TV-Hinweis: Stadt der Gefangenen (2)

20. Mai 2009

Eine außerordentlich sehenswerte Dokumentation wird in einer Woche wiederholt: „Stadt der Gefangenen“ über den härtesten Knast der Welt.

Es ist sicherlich nicht verwunderlich, dass in einem armen Land wie Bolivien gerade im Gefängnis kein Luxus zu erwarten ist – doch  Palmasola übertrifft (im negativen Sinne) alle Erwartungen: Eine hohe Mauer riegelt die Gefangenen von der Außenwalt ab. Drinnen leben die Menschen in Baracken oder unter freiem Himmel – je nachdem, welchen Rang sie in der Hierarchie einnehmen. Die Lebensmittelversorgung besteht aus Schlachtabfällen, die Gefangenenstadt wird von Banden regiert.

Palmasola – Stadt der Gefangenen, eine wirklich sehenswerte Dokumentation.

Kabel1: 27.05, 00:20 Uhr
K1 Reportage: Stadt der Gefangenen


Kurz notiert: Bolivien patzt gegen Kolumbien

10. Mai 2009

Dass Bolivien keine große Fußballnation ist und gerade in Lateinamerika in in harter Konkurrenz steht, braucht man wohl eigentlich nicht zu erwähnen. Doch in der WM-Qualifikation schien plötzlich so einiges möglich: Zunächst hatten die Bolivianer die Fußballmacht Argentinien unter Diego Maradona mit einem überraschenden 6:1 gedemütigt -  nun hätte ihnen im Spiel gegen Kolumbien sogar nur ein Unentschieden gereicht, um sich sicher für die WM zu qualifizieren. Am Ende feierte jedoch Kolumbien mit einem 2:1-Sieg. Schade! Eine WM-Teilnahme hätten wir Bolivien von ganzem Herzen gegönnt…


Vater Unser und Mutter Erde

8. Mai 2009

Ich habe in der Bibliothek ein interessantes Buch gefunden, aus dem ich heute einen Argumentationsstrang vorstellen möchte. Es geht um die Frage, wie das Christentum bei den Aymara- und Quechua-Indianern in den Anden gelebt wird – und inwiefern man am Ende davon sprechen kann, dass das Christentum in den Anden das gleiche Christentum bzw. ein anderes Christentum wie in Europa ist. Zu diesem Zweck werden die christlichen Gebete der Aymara und Quachua analysiert und mit den europäischen Gebeten verglichen: welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede gibt es?

Wenn man von Gebeten spricht, dann muss man natürlich als erstes feststellen, dass man seinen Glauben nur dann in Gebeten äußern kann, wenn man in der eigenen Sprache dafür auch die passenden Begriffe hat (das ist eigentlich ziemlich trivial):

So reich die Quechua- und Aymara-Sprachen sind, um unzählige feinste Varianten sozialer Beziehungen und emotionaler Tönungen auszudrücken, so arm sind sie an abstrakten Begriffen. Ihnen fehlen solche Begriffe wie Zahl, Menge, Form, Farbe, Richtung, Klasse, Art, Beschaffenheit; auch Kollektiva wie Rudel, Schwarm, Herde, Steinhalde usw. gibt es nicht. Moralische Abstrakta (Sünde, Schulde, Gnade, Dankbarkeit, Sühne, Erlösung usw.) und Abstrakta aus dem politischen Raum (Regierung, Macht usw.) fehlen ebenfalls. Für das Wort Gnade gibt es, wie bereits erwähnt, nicht nur kein Wort, es gibt auch keine Denkkategorien, um diese Unsäglichkeit nicht-reziproker Beziehung zu verstehen. Es ist nicht „Ignoranz“, welches dem Quachua- oder Aymara-Indianer das Vaterunser verstellt – es ist die bis in die sozialen Kategorien hinein verankerte konzeptionelle und linguistische Unverstehbarkeit. (Rösing 2001, 73).

Vor allem der letzte Satz ist entscheidend: es ist kein böser Wille, dass die christlichen Gebete in der Aymara-Übersetzung verfremdet sind, sondern einfach die Tatsache, dass es im Aymara nicht alle Begriffe gibt, die zur Übersetzung benötigt werden. Wenn man die christlichen Gebete also übersetzt, so bekommt man am Ende einen Lückentext, bei dem all die Begriffe fehlen, die nicht übersetzt werden können.

Als Lückentext kann man ein Gebet freilich nicht stehen lassen – die Lücken müssen irgendwie aufgefüllt werden. Und welche anderen Begriffe kann man dafür schon hernehmen, als die, die im Aymara bereits vorhanden und am plausibelsten sind. So tauchen in den christlichen Gebeten plötzlich die Symbole der andinen Konsmologie auf:

Das heilige Kreuz, der Vater, der Sohn, der Heilige Geist, die Gottheit des heiligen Berges Esqani, der göttliche Esqani, die Berggottheiten Kallinsani, Phinata, Thoqonta, Chilliqa sowie die von Gottheiten bewohnten Quellen, die auch Prinzessinnen genannt werden, der Heilige Vogel Kondor, die Jungfrau Erde, die Jungfrau Prinzessin, sie alle sind [...] friedlich vereint (Rösing 2001, 77).

Man kann sich daher gut vorstellen, dass die christlichen Gebete ins Aymara nicht einfach 1 zu 1 übersetzt werden können – sondern dass sie bei der Übersetzung ihre eigentliche Bedeutung ändern. Eines der zahlreichen Beispiele ist das Vaterunser:

Nest aus Silber, Nest aus Gold,
Kondor Mamani,
Reichtum, Wohlstand, Fülle…
Vater unser, vom Himmel her,
dein Reich komme zu uns,
dein Wille geschehe,
geheiligt werde dein Name,
so wie im Himmel,
nunmehr Mutter Erde,
Jungfrau Maria,
den Söhnen des Syndikats bereite ich das,
heilige Erde,
Reichtum, Wohlstand,
Inhaber des Reichtums der Dunkel-Welt,
Kondor Mamani,
mallku Esqani,
Mutter Erde, heilige Erde
(Rösing 2001, 79f.)

Wenn wir die Gebete zurückübersetzen, um die Bedeutungsänderung festzustellen, so müssen wir bedenken, dass auch wir dabei den Sinn verändern – auch wir können mit unseren Begriffen nicht ins Detail verstehen, was dieses Gebet im Original bedeutet. Man wird aber einsehen, dass der christliche Glaube in den Anden etwas anderes als in Europa ist.

Vor diesem Hintergrund darf man einer andinen Version des Christentums sicherlich nicht mit Schuldzuweisungen begegnen: es handelt sich ja nicht um eine mutwillige „Abweichung“ von der normalen christlichen Kirche, sondern ist die Folge eines Christentums, das sich zunehmend fremden Kulturen und Lebenswirklichkeiten öffnet und seinen Eurozentrismus abschüttelt.

Rösing, Ina (2001): Die „heidnischen“ Katholiken und das Vaterunser im Rückwärtsgang. Zum Verhältnis von Christentum und Andenreligion; Heidelber: Winter.